V. Tag, 15. November 1994
Oder
„Eine Schlaftablette für All“
Heute werden wir in aller Herrgottsfrüh mit den Hühnern geweckt. Schlaftrunken schleichen wir durch den Coffee-Shop und blicken wehmütig zurück, wissen wir doch nicht, ob es unser letztes schmackhaftes Frühstück für längere Zeit gewesen ist.
Bei der Abfahrt gegen acht Uhr nehme ich erstmals bewußt Notiz von unserem Fahrer, der sich die ganzen Tage unauffällig hinter seinem Steuerrad versteckt gehalten hat. Er heißt Sit, ist dreißig Jahre alt und überaus schüchtern. Unser Schicksal liegt in den nächsten zehn Tagen mit in seinen Händen. Die Koffer werden auf dem Dach des Busses befestigt, und endlich geht es los. Einmal mehr heißt es, nun zu sagen: Auf Wiedersehen, Bangkok, du häßliche, schöne Stadt! Als erste Station peilen wir den Flughafen an und werfen dort überflüssigen Ballast von Bord: Wir verabschieden die Schäfers, die direkt nach Phuket fliegen. See You in ten days hopefully! Die Nationalstraße führt uns nach Ayutthaya, eine der ehemaligen Hauptstädte für immerhin 400 Jahre und bis zur völligen Zerstörung durch die Burmesen im 18. Jahrhundert wohl schönste Stadt der Welt. Wir besichtigen Wat Yai Chaimongkhol und lassen uns von dem herausragenden Chedi und der großen, liegenden Buddhastatue beeindrucken. Es wird in unserer besonderen Erinnerung verbleiben ob der lebendig wirkenden Wachsfigur des alten Abtes. Wenig später erreichen wir Wat Phra Mongkol Bophut mit dem übergroßen Bronzeguß des Sitzenden Buddhas.
Die Mittagszeit verbringen wir am Bahnhof im Schutz des Schattens bei Bier und frischen Erdnüssen und verfolgen das bunte Treiben auf den Bahnsteigen. Um unsere Reisekasse zu schonen, haben wir für die einstündige Fahrt nach Lopburi die 3. Klasse gebucht. Diese ist ein unvergeßliches Erlebnis. Zahlreiche mobile Restaurants werden durch die vollbesetzten Abteile bewegt. Für einige Baht gibt es gebratene Hähnchen mit Kopf, unbekannte Gemüse, Softdrinks und Singha. Unser Blick aus dem Fenster wird mit einer prächtig grünen, wechselhaften Landschaft belohnt.
In Lopburi angekommen bringen uns Fahrrad-Trikshas in das Innere der Stadt. Kurt hat uns eindringlich vor Taschendieben gewarnt. So ein Affentheater! Die Stadt war zweite Hauptstadt des Ayutthaya-Reiches und hatte ihre Blütezeit im 17. Jahrhundert. Aus der Ferne fällt uns der Tempel der drei Türme Prang Sam Yot auf. Wir betreten den Tempel Sam Phra Khan mit dem Schrein einer Hindugöttin. Die zahlreichen Affen gelten als ihre Kinder. Sie klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Kurt und All kleiden die Göttin mit neuen Schleiern ein, ein Brauch im Gedenken ihrer Tochter Mi, die hier in Lopburi geboren wurde. Das Mittagsmahl ist heute gebratener Reis mit Fleisch und Gemüse in Ananasschale.
Weiter geht es nach Saraburi zum „Fußabdruck des Buddha“ im Wat Phra Buddhabhat. Die Weiterfahrt ist ein Appetithäppchen auf das, was uns erwartet: Im Bus herrscht die Atmosphäre eines orientalischen Radiosenders. Bei All, Jo-Jo und Sit stehen die Zungen nicht still. Als All beim Quasseln in einen Loop fällt, verlange ich eine Schlaftablette für sie.
Nachdem wir heute ca. 260 km zurückgelegt haben, erreichen wir bei Dunkelheit unser Tagesziel Korat oder Nakhon Ratchasima, die zweitgrößte Stadt Thailands. Wir nächtigen im Viersternehotel Royal Princess, von dem wir so angetan sind, daß wir den Abend hier verbringen. Nach Welcome-Drinks entspannen wir im Coffee-Shop bei Life-Musik mit viel Bier. Jo-Jo bietet seine Sangeskünste dar. Gegen Mitternacht gehen die Lichter aus.
Wat Chai Mongkol
Bahnhof Lopburi
Eine Bahnfahrt die ist lustig
Wat Samphrakarn



