VII. Tag, 17. November 1994
Oder
„Bäume, Bäume, nichts als Bäume...“
Leicht verkatert sind wir gespannt auf das abenteuerliche Frühstück, das Kurt in seiner Reiseinfo prophezeit hat. Doch die nächste Überraschung: die Westerwälder Fleischwurst wird geschlachtet, dazu gibt es Spiegelei, Toastbrot, Ham, Sausages, Orangensaft, Kaffee, Tee und Marmelade. Willkommen im Paradies, oder wo sind wir hier?
Endlich brauchen wir keine Koffer zu packen und fahren kurz nach neun los in Richtung Baan Nong Waeng, All’s Heimatdorf. Daß wir unser Ziel nicht sofort erreichen, liegt wohl an einer Begebenheit unterwegs: wir stoppen an einem Feldweg, aufmerksam geworden durch das hektische Treiben in einem Stoppelfeld. Eine Musikband in Fußballtrikots „stimmt“ ihre Instrumente: ein aggregatbetriebenes, elektrisches Saiteninstrument und zahlreiches Perkussionsgerät. Es entwickelt sich eine prozessionsartige Menschenschlange, gefolgt von den Musikern, die laut ihre schlangenbeschwörenden Laute und Rhythmen von sich geben. Ehe wir uns versehen, sind wir Teil des Umzugs und quälen uns schwitzend durch den Rain in Richtung Waldrand. Um uns herum vollführen einheimische Frauen und Männer tempeltanzähnliche Figuren zu der Rhythmik der Band, die wir nicht nachahmen können. So tragen wir die uns übergebenen Flaggen mit Schildkrötenemblemen stolz vor uns her. Am Wegrand breiten Kinder Kleidungsstücke aus und hoffen, daß die Umherziehenden ihnen Almosen darauf spenden.
Wir sind überrascht, als wir im Schatten des Waldes einen Tempel erreichen, und lernen, daß dieser Ziel und Sinn der Prozession gewesen ist. Das „Waldfest“ kann beginnen, denn jetzt wird das Tempelfest „Thod Kratin“, die jährliche Einkleidung der Mönche, gefeiert. Hier trifft sich alles aus der Umgebung, was weder Rang, noch Namen hat. Während das Ritual in der offenen Tempelanlage unter Beisein etlicher Offizieller steigt, sitzen wir da im äußeren Bereich und löschen unseren Durst mit Wasser und Cola, umgeben von verschiedenen Grundschulklassen brav ausgerichteter, uniform gekleideter, hübscher Kinder. Eine Einladung zum Mittagessen in der Schule nehmen wir gerne entgegen. Nach dem offiziellen Teil inspizieren wir das Mittagessen, ohne trotz ausdrücklicher Einladung selbst daran teilnehmen zu wollen. Doris wird zum Tempeltanz aufgefordert und meistert diese Prüfung mit Bravour.
Roi Et
Wat Burapapiram
Erinnerungen an unseren Besuch im Dorf Ban Nong Yung
Wir spazieren durch das Dorf zur Schule. Spontan wird der Unterricht unterbrochen. Dafür werden wir auf eine Art Tribüne plaziert, und die Kinder bieten uns generalprobemäßig ihre für das Loi-Krathong-Fest einstudierte Vorführung, die wirklich sehenswert ist. Anschließend schlendern wir durch das ärmlich anmutende Bauerndorf hin zum Kloster und erfahren dort eine Segnung und Übergabe eines glücksspendenden Armbändchens aus Baumwolle.
Es ist an der Zeit, unsere Zusage zum Essen in der Schule in Baan Nong Yung einzulösen. Daß dies das unvergeßlichste Mahl der Reise wird, wissen wir noch nicht. Mit einigen Lehrern zusammen sitzen wir an der Tafel, wohlbehütet von den aufmerksamen und neugierigen Blicken der Kinder. Wir laben uns an Hühnchen mit Klebereis und Som Dam (ein scharfes Etwas, pet pet!), dazu wird eine Flasche Otard geopfert. Als Gegenleistung spenden wir alle zusammen 355 Bäume, die bald gepflanzt werden sollen, so daß wir sie bei unserem nächsten Aufenthalt hier in ein paar Monaten bewundern können. Jeder Baum kostet ein Baht! Zufrieden verlassen wir den Ort und schauen nochmals in die Runde der glücklichen Kinderaugen.
Nun fahren wir weiter in das Dorf Ban Nong Waeng und besuchen im Dorf das Haus, in dem All’s Mutter wohnt. Im Wohn-Schlaf-Zimmer werden uns zur Erfrischung Wassermelonen gereicht.
Zurück in Roiet fällt es uns nicht schwer, Wat Burapapiram aufzuspüren, denn seine riesige Buddhastatue ist mit 67,55 Metern Höhe die angeblich höchste der Welt. Dann bereiten wir uns vor zum alljährlichen Loi-Krathong-Fest, das bei Vollmond im November zelebriert wird. Nach Sonnenuntergang bewegt sich ein kilometerlanger Umzug, der aus mit Blumen geschmückten Wagen und bunt gekleideten Fußgruppen gebildet wird, durch die Straßen der Stadt. Die Prozession nähert sich dem Teich, dem die Krathongs verschiedener Größe und Farbenpracht übergeben werden. Auch wir huldigen den Göttern mit dieser Geste.
Doris bemerkt, daß ihr nachmittags beim Geldwechseln ein fataler Fehler unterlaufen ist. Zusammen gehen wir zur Wechselstube und werden als Entschuldigung mit Geschenken überhäuft. Auf diese Weise stauben wir zwei Kissen und zwei Whiskytassen ab, die wir uns schon immer gewünscht haben.
Abends sind wir zum Essen bei Freunden der Singers eingeladen. Tom Kha Gai, Fisch, Hühnchen, Rindfleisch, Gemüse und von Schäfers importierte Gulaschsuppe werden aufgefahren. Es schmeckt uns ausgesprochen deliziös. Der Hausherr selbst fährt uns ins Mai Tai zurück. Wegen des Loi Krathong sind die Sängerinnen heute besonders festlich gekleidet.
Da Kurt und All noch nicht zurückgekommen sind, muß Jutta ihre frisch erworbenen Sprachkenntnisse einsetzen: Bier song kuad yai. Sii gäo. Au nam käng. Da tatsächlich zwei große Flaschen Bier, vier Gläser und Eis gebracht werden, ist sie mächtig stolz. Bei einer Tombola gewinnen wir - was wohl? - sechs Carlsberg-Gläser und zwei Dosen Bier. Ein Vertreter der Brauerei schenkt uns Carlsberg-Kappen, die er uns aufsetzt und photographiert. Die spinnenden Thailänder! So neigt sich ein beeindruckender Tag dem Ende.











