I. Tag, 11. November 1994
Oder
„Wie kommt die Fleischwurst nach Roiet?“
Es ist ein schönes Gefühl, an einem Freitagmorgen nicht mit dem Aktenkoffer ins Büro zu fahren, sondern statt dessen um 7.30 Uhr mit mehr und anderen Koffern von Dietmar zum Koblenzer Hauptbahnhof gebracht zu werden. Hier verabschieden wir uns von ihm für ein paar Wochen und wundern uns insgeheim, wie wir einem, der eigentlich nur von Konten und Salden Kenntnis und Ahnung hat, unsere heiß geliebten Pflanzen ans Herz legen konnten.
Bald treffen unsere Reisebegleiter ein: die uns bekannten Kurt Singer und seine thailändische Frau All (gesprochen: El), die Westerwälder Markus und Angela Schäfer; außerdem die Saarländer Günter und Doris Martin, die wir jetzt kennenlernen, da wir sie bisher nicht kannten. Aber wirklich kennenlernen werden wir sie später! Doris ist Kurts älteste Schwester und schuldig an seinem postpubertären Bettenkomplex, da er sich früher aus Angst vor Schlägen durch die soeben Beschriebene unter einem solchen zu verstecken pflegte, weil er schon damals nicht in ein gewöhnliches Mauseloch paßte. All das erfahren wir während unserer erstklassigen Bahnfahrt, die uns um 8.07 Uhr von Koblenz trennt und - nach Umstieg in Köln um 9.17 Uhr - gegen 12.05 Uhr zum Hauptbahnhof Amsterdam und nach weiterem Umstieg zur S-Bahn „pünktlich“ um 12.25 Uhr zum Internationalen Flughafen „Schiphol“ bringt.
Da wir, um es vorwegzunehmen, an diesem Tag von größeren Katastrophen wie Heuschreckenplagen oder Deichbrüchen verschont bleiben, wird das beherrschende Thema der mehrstündigen Zugreise nichts Billigeres als ein ordinärer Ring Fleischwurst. Den haben die Schäfers aus eigener Züchtung gewonnen und als Frühstück in Roiet vorgesehen. All leidet seit der Sichtung der Fleischwurst an Pupillenvergrößerung, Kurzatmigkeit und einer Überproduktion von Magensäure, sie unterliegt fortan ständiger Bewachung. Die Welt fiebert, ob die Fleischwurst heil die nächsten sechs Tage bis Roiet überlebt.
Von dem sagenumwobenen Flughafen Schiphol sind wir zunächst enttäuscht: uns bietet sich der Anblick einer Baustelle. Der Weg vom Bahnsteig zum Check-In ist weit, beschwerlich und ohne Handwagen zu bewältigen. Beim Einchecken stellen wir fest, daß wir wohl besser den früheren Zug, für den wir erstaunlicherweise auch die Plätze reserviert hatten, genommen hätten, denn wir sind die letzten. So erhalten wir unsere Bordkarten für verstreute Plätze in der Raucherzone, doch wenigstens paarweise zusammen. Nur die Singers werden in die Business Class (Royal Executive Class) versprengt.
Vor dem Abflug wechseln wir noch ein paar Deutschemark in Holländische Gulden und gönnen uns einen Snack und einige Heineken Biere. Jetzt gefällt uns der Flughafen schon etwas besser. Schließlich produziere ich die glücksspendenden Glassplitter, indem ich beim Videofilmen in mein eigenes - Gott sei Dank leeres - Bierglas trete, und trillere dabei „Scherben aus Amsterdam“.
Mit 30minütiger Verspätung fliegen wir schließlich um 15.00 Uhr ab über Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, Türkei, Iran, Pakistan, Indien und Burma non-stop nach Bangkok, der Hauptstadt von Thailand. Unsere Fluggesellschaft, die China Airlines, überrascht uns alle mit ihrem ausgezeichneten Service und der großen Anzahl von Stewards und Stewardessen sowie dem vorzüglichen Speise- und Getränkemenü. Auch das Platzangebot in der Touristenklasse („Royal Wood Class“) ist überdurchschnittlich großzügig und läßt genügend Bewegungsfreiheit speziell bei einem Langstreckenflug. So müssen wir unser Vorurteil revidieren und ordnen die Taiwanesische Gesellschaft (die Chinesische heißt übrigens Air China) ganz oben gleich neben der Thai Airways ein. Zu Beginn des Fluges nehmen wir als alte Flughasen so ziemlich alles mit, was an Schlummertrunks zu erhaschen ist, und dösen die nächsten Stunden im Halbschlaf daher. Nur ein Essen oder Getränk kann uns hin und wieder zum kurzzeitigen Unterbrechen des Dösens verführen. Da sich anscheinend viele Nichtraucher in die Smoking Area verirrt haben, erweist sich auch dieses als unproblematisch. So geht dieser Flug als einer der besseren in unsere Reisegeschichte ein.
Flughafen Amsterdam
Schiphol
Koblenz Hauptbahnhof
Foto: KI

