VI. Tag, 16. November 1994
Oder
„Wieviel Mekhong braucht der Mensch?“
Um halb sieben Uhr ist der Schlaf vorbei. Wann beginnt der Urlaub? Es kommt uns zugute, daß das Hotel derzeit stark unterbelegt ist. In der so ruhigen und gemütlichen Atmosphäre des Coffee-Shops machen wir das Frühstück zu einem Schlemmermahl. Dann das tägliche Ritual, das uns schon zur Gewohnheit geworden ist: Rein in den Bus, die mittlerweile festgelegten Sitze einnehmen, vorne Jo-Jo und Sit, dahinter Doris und Günter, dritte Reihe All und Kurt, hinten wir beide, und auf los geht’s los.
Nach einer Stunde erreichen wir Phi Mai und besichtigen die Tempelanlage, die um 1100 n. Chr. durch die Khmer erbaut wurde. Das eindrucksvolle Heiligtum auf einem quadratischen Gelände verläuft symmetrisch in alle Himmelsrichtungen und läßt auch den Laien prägnante Unterschiede zur bisher bekannten Bauweise erkennen. An den umliegenden Ständen erwerben wir preiswert ein paar Umhängetaschen, Kurt und Günter je einen Vogelscheuchenhut.
Bevor die Touristenströme einbrechen, fahren wir weiter zum wohl größten Ficus Benjamini der Welt. Überraschenderweise ist All schon früh hungrig, was uns ein Mittagessen mit Klebereis und Hühnchen mit scharfem und mildem Gemüse einbringt. Am frühen Nachmittag erreichen wir Chonnabot. In einer Weberei erhalten wir Einblicke, wie im richtigen Leben Seide gewonnen, gefärbt und zu Stoff verarbeitet wird. Verschiedene kleine Geschäfte bieten die Produkte zum Verkauf feil.
Nach 250 Tageskilometern, nicht gerade vergleichbar mit auf Bundesautobahnen zurückgelegten, erreichen wir unser Etappenziel Roiet, auch Loiet, Roi Et oder Roi-Et geschrieben, übersetzt: Einhunderteins. Das Hotel Mai Tai ist das mit Abstand beste am Ort und hat dennoch offiziell keinen Stern. Trotz Sprachbarrieren gelingt es uns dank unserer humanistischen Schulbildung und kosmopolitischen Lebenseinstellung, Carlsberg-Bier zu organisieren, das wir auf der offenen Veranda genießen. Die Flaschen haben heute keine hohe Halbwertzeit, denn wir sind sehr durstig. Später bummeln wir durch die Stadt. Jetzt sind wir die Affen im Käfig und werden von den Einheimischen wie grüne Männchen bestaunt, denn in der ganzen Zeit hier werden uns keine weiteren Hellhäutigen über den Weg laufen. Am Bueng-Plan-Chai-Teich verfolgen wir die Fütterung der übersatten Fische und haben das Gefühl, daß hier niemand hungern muß. Beim Rückweg decken wir uns mit einigen Flaschen Mekhong ein. Man weiß ja nie...
Im Vorfeld haben wir viele Legenden und Sagen über Roiet und das Mai-Tai-Hotel gehört. So harren wir kritisch und neugierig der Dinge, die da auf uns hereinbrechen. Zum Abendessen sitzen wir da wie Neger im Iglu. Wir sind die Attraktion der Gegend. Wahrscheinlich darf die „waitress of the century“ uns heute bedienen. Beim Auftischen des Dinners sind wir angenehm überrascht: alles genießbar, und wie! Aloi kap! Wir ordern lediglich Cola mit Eis und liefern unseren mitgebrachten Mekhong zum Zubereiten ab. Obwohl wir nicht einmal Korkengeld zahlen, steht unsere Waitress ununterbrochen bei Fuß und achtet mit Akribie darauf, daß der Inhalt unserer Gläser nie zur Neige geht. Diesen Tag wird sie wohl „im Lebe net“ vergessen.
Während des ganzen Abends treten auf der erhöhten Bühne non-stop etliche Sängerinnen im Sonntags-, Kommunions- oder Eislaufkleid auf, begleitet von einer 2-Mann-Life-Band, und geben nach zwei Songs die Bretter, die ihre kleine Welt bedeuten, für ihre Nachfolgerin frei. Gegen Mitternacht zollen wir dem Mekhong Tribut. Wir haben 3 1/2 Flaschen mit 5 1/2 Personen eliminiert. Erschöpft fallen wir in unser Null-Sterne-Bett.
Phi Mai
Phi Mai Sai Ngam
Chonnabot
Roi Et Hotel Mai Thai



